Wie aus einem Experiment eine Erfolgsgeschichte wurde

Mit der eher unbekannten musikalischen Komödie „Das Feuerwerk“ von Paul Burkhard feierte der Schönebecker Operettensommer im Sommer 2023 – neben dem 75-jährigen Bestehen des Orchesters – sein 25-jähriges Jubiläum. Die Erfolgsgeschichte wird in diesem Jahr mit Jacques Offenbachs weltberühmter Operette „Die Csárdásfürstin“ fortgesetzt. 

Alles begann im Herbst 1996, als Stefanos Tsialis seine Stelle Chefdirigent des damaligen Mittelelbischen Konzertorchesters in Schönebeck antrat. Im Gepäck schlummerte auch die Idee des Musiktheaters, weil er eben diesen Bereich in seinem neuen Wirkungskreis nach eigenem Bekunden vermisste. Was aber fehlte, war eine geeignete Spielstätte, denn von Anfang an war klar, dass es eine Freiluft-Produktion im Sommer werden sollte.

Thomas Enzinger, langjähriger Regisseur, beschreibt die Suche im Booklet einer CD, die anlässlich des 10. Operettensommer-Jubiläums 2006 (aufgeführt wurde „Die Fledermaus“ von Johann Strauß) produziert wurde, wie folgt: „… Und so machten wir uns auf den Weg – habe ich Weg gesagt? Bei manchen Orten glich die Besichtigung aufgrund der Wetterlage und des Schneematches mehr einer Expedition. Es bedurfte schon sehr viel Phantasie, sich dabei Sommerspiele vorzustellen. Aber Phantasie ist mein Kapital …“

Schließlich entdeckten Tsialis und Enzinger bei einem gemeinsamen Spaziergang auf dem Bierer Berg im Winter 1997 die dortige Freilichtbühne, welche sich allerdings in einem desolaten Zustand befand; von einer Infrastruktur konnte jedoch (noch) keine Rede sein. Viel Zeit blieb bis zur eigentlichen Geburt des Operettensommers im August 1997 nicht, doch mit dem Ausstatter TOTO und dem Produktionsleiter Hans-Jörg Simon wurden schnell weitere Partner gefunden, um dem Baby auf die Beine zu helfen. Dank ihrer langjährigen Kontakte fanden Enzinger und Tsialis für das mittlerweile ausgewählte Premierenstück „Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke bald die passenden Darstellerinnen und Darsteller. Darüber hinaus hatte der Regisseur Enzinger „den Schauspieler Enzinger auch gleich engagiert – tja, es geht in unserem Geschäft eben nur über Beziehungen“, wie der Österreicher freimütig bekannte.

Am 23. August 1997 erlebte der Schönebecker Operettensommer dann seine Premiere. Was das Umfeld anbetraf, so fiel damals vieles noch in die Rubrik „gekonnte Improvisation“. Als Garderobe diente eine alte Gartenlaube, einen Orchestergraben gab es noch nicht. Das Orchester saß unter weißen Kunststoff-Pavillons, die eigentlich für Gartenfeste konzipiert waren. Die Farbe Weiß dominierte auch im Bühnenbild. Es war noch äußerst sparsam, dem Budget und dem Umfeld angepasst. Doch die Wäscheleinen, an denen Leinen-Unterwäsche hing, hatten ihren Charme, so wie es das gesamte Bühnenrund hatte und bis heute hat. Zu den insgesamt fünf Vorstellungen beim 1. Schönebecker Operettensommer kamen 1.564 Besucher. Dabei darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass die Zuschauertribüne damals nur etwas mehr als 400 Besuchern Platz bot.

Populäre Musik und die Art, wie Enzinger und später auch Katharina Kutil Operetten inszenierten – mit Humor ohne in Klamauk abzudriften – kamen beziehungsweise komme bis heute beim Publikum an. Am Schliff dieses Juwels waren in den Folgejahren viele Goldschmiede beteiligt. Allen voran stand und steht die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie Schönebeck als Projekt- und gleichermaßen Risikoträger. 

Im Jahr 2006 eroberte der langjährige Regisseur Thomas Enzinger mit Schirmmütze – natürlich verkehrt aufgesetzt, denn das wirkt doppelt so cool – und schelmischen Blick die Herzen der jüngsten Operettenfans. Das Angebot „Fledermaus für Kinder“ nutzten erstmals viele Familien, Großeltern mit ihren Enkeln, Tanten, Onkel mit Neffen, Nichten … Sie lauschten dem österreichischen Geschichtenerzähler sowie dem Klangkörper, der an diesem Morgen mit viel Beifall empfangen wurde. Es war die Geburtsstunde der „Operette für Kinder“ im Rahmen des Schönebecker Operettensommers.

Dem renommierten Bühnen- und Kostümbildner TOTO ist es von 1997 bis zum Sommer 2022 immer wieder eindrucksvoll gelungen, mit recht schmalem Budget stets ein opulentes Bühnenbild zu gestalten. Auch seiner Kreativität ist es zu verdanken, dass das Operettenfestival von Jahr zu Jahr an Qualität gewonnen hat.